Vineta-Festspiele starten in die Saison 2008

Das Liebespaar Käpt'n Raga (Juliane Botsch) und Hauptmann Nodar (Jan Kittmann) Foto: VLBDas Liebespaar Käpt'n Raga (Juliane Botsch) und Hauptmann Nodar (Jan Kittmann) Foto: VLB„.....am Strande von Koserow hütete ein Schäferjunge seine Herde.“ so beginnt eine der bekanntesten Ostsee-Sagen: Vineta- die versunkene Stadt. Wer ein Sonntagskind ist und einen Pfennig in der Tasche hat, der soll der Sage nach, die Stadt, die auf dem Meeresboden liegt, erlösen können. Vor tausend Jahren ist sie in den Fluten des Meeres versunken, weil die Bewohner frevelhaft mit ihrem Reichtum umgingen. Die Sage ist vermutlich um 1540 auf der einst bettelarmen Insel Usedom entstanden. Thomas von Kantzow veröffentlichte zu jener Zeit die „Chronik von Pommern“ und stützte sich dabei auf historische Forschungen und Volkssagen. Und er lokalisierte das sagenhafte Vineta von einem Felsen aus bei Damerow, der Nachbargemeinde von Koserow, „unter Wasser“ . Er fertigte Skizzen von aus dem Meer ragenden Steinblöcken an und rekonstruierte daraus Grundmauern von Häusern und glaubte Straßen zu erkennen.

Ein fataler Irrtum, wie sich fast 300 Jahre später herausstellte – die Steine waren unbearbeitete Granitfindlinge und wurden dann zum Bau der Swinemünder Mole verwendet. Aber gut 300 Jahre befand sich der Eintrag „Vineta“ mit dem Vermerk „versunken“ auf vielen Land- und Seekarten. An genau dieser Stelle, wo Kantzow einst die Stadt unter Wasser erspähte lockt heute ein „Vineta –Ausblick“ Touristen an.

Doch Kantzows Beobachtung fußte auf einem historischen Hintergrund. Der jüdisch-maurische Kaufmann Ibrahim Ibn Jakub al Isreli at Tartusi berichtet um 965 von einer gewaltigen Stadt am Weltmeer. Adam von Bremen nahm diesen Fakt in seine „Hamburgische Kirchenchronik“, auf. Der Punkt, warum Vineta gerade hier geortet wurde, ist der Hinweis auf die Beschaffenheit des Wasser „Dort,“ so heißt es in der Chronik,“ zeigt sich Neptun in dreifacher Artung, denn von drei Meeren wird die Insel umspült, von denen das eine von ganz grünem Aussehen, das zweite von weißlichem sein soll, das dritte tobt in wütender Erregung bei dauernden Stürmen.

Mögliche Deutung – das Achterwasser, ein kleines, später versandetes Flüsschen und die Ostsee. Doch diese wage Deutung hielt Ende des 19. Jahrhunderts keinen wissenschaftlichen Forschungen mehr stand. Getrieben von dem Gedanken, dass es solch eine Stadt, in der verschiedene Völker friedlich zusammen lebten und gemeinsam ihren Reichtum mehrten, ließ die Forscher einfach nicht los. Eine unbestimmte Sehnsucht, die sich auch in der Kunst widerspiegelte. Heinrich Heine hat beim Gedicht „Das Seegespenst“ vermutlich Vineta vor Augen. Sehr populär ist auch Wilhelm Müllers Gedicht "Vineta" . Johannes Brahms machte es durch seine Vertonung 1860 berühmt. Zu jener Zeit wurde gewissermaßen auch die Forschung wieder angekurbelt. Der Archäologe L. F. von Ledebur machte zunächst auf Untersuchungen aufmerksam, dass möglicherweise Wollin –auf der heute polnischen Seite der Insel Usedom – ein bedeutender Ort gewesen sein könnte.

Kein geringerer als Rudolf Virchow war davon überzeugt, das Wollin und Vineta ein und derselbe Ort seien. 1871 stellte er seine Theorie der Öffentlichkeit vor. Und die Sache mit den drei Wassern passte natürlich hier viel genauer - Oder, Bodden und die Ostsee. In den 30er Jahren kam es dort zu archäologischen Untersuchungen, die andeuteten, was in den 50er Jahren durch Ausgrabungen bestätigt wurde – in Wollin gab es vor gut 1000 Jahre eine große Stadt in der zirka 10.000 Menschen zusammen lebten. Ob es Vineta war? Diesen praktischen Beweisen setzen 1998 Berliner Wissenschaftler theoretische Überlegungen entgegen, nach denen Vineta im Barther Bodden gelegen habe.

Farbenfrohe Kostüme und der Einsatz von Pyrotechnik gehören einfach dazu. Foto: VLBFarbenfrohe Kostüme und der Einsatz von Pyrotechnik gehören einfach dazu. Foto: VLBInitiiert von der Vorpommerschen Landesbühne wird auf der Insel Usedom selbst sein zwölf Jahren mit den „Vineta-Festspielen“ in stets neuen Geschichten versucht zu ergründen, wie solch ein politisch und wirtschaftlich florierendes Gemeinwesen wie die Stadt Vineta untergehen konnte. War es der mangelnde Respekt der Menschen voreinander? Der Umgang der Bewohner mit ihrer Umwelt? Oder – und das in der Künstler eigenem Sinne – missachteten die Vineter gar die Kunst? Diese jährliche, fantasievolle Untergangsforschung auf der Zinnowitzer Open-Air-Bühne vollzieht sich mit eigens dafür komponierter Musik, Tänzen, Kämpfen mit Fäusten, Schwertern und asiatisch anmutenden Waffen und immer wieder hintersinnigen Texten. Laser- und Pyroeffekte, eine üppige Ausstattung machen das Ganze zu einer Show aus der jeder etwas Anregendes für sich herausziehen kann.

Donna Irma (Susanne Kehl) und Chevalier Lukas (Martin Schneider) schwingen die Schwerter. Foto: VLBDonna Irma (Susanne Kehl) und Chevalier Lukas (Martin Schneider) schwingen die Schwerter. Foto: VLBIn diesem Jahr heißt das Stück „Vineta - Der Elfenstern“. Im Vielvölkerstaat Vineta ist man der Meinung, dass wer einmal das Land geführt hat darauf einen Anspruch für die Ewigkeit habe. Bei so gefestigten Machtstrukturen sind Schutzmächte wie die Dünenritter und Elfenkrieger nicht mehr von Nöten und man entledigt sich der Dünenritter durch Meuchelmord. Die Elfenkrieger schwören daraufhin Rache. Doch ein Sonntagskind aus dem 2008, ins vinetische Jahr 952 durch den Zeit-Wanderer geholt, kann die Verhältnisse wieder ins Lot bringen. Natürlich gibt es auch eine wunderschöne Liebesgeschichte in diesem Fantasiemärchen.

„Vineta -Der Elfenstern“ bis 30. August auf der Ostseebühne Zinnowitz jeweils montags, mittwochs, donnerstag und sonnabends. Beginn 20 Uhr. Kartenvorbestellungen unter der Rufnummer 03971 208925

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3. September 2010 - 16:50